Da schritten sie herrisch ins fremde Land, als gab' es weder Nachbarschaft noch Brüderschaft noch Grenzen noch Gesetze;

Da begehrten sie fremdes Glück und fremdes Blut und fremdes Eigentum, als wäre die Wüste hinter ihnen, als mahlten fremde Mühlen bessres Korn und küssten
fremde Frauen heißer;

Armeen eine jähe Überschwemmung sickerten in die erstarrte Landschaft: Stadt' und Dörfer eilten in die Flucht.

Überall schrie Schweigen, horchte tote Ödnis. In leeren Straßen lauerten Angst und Hass.

Die Dörfer zerbröckelten unter den Keulen der Kanonen. Zu Asche zerfielen die Blütengärten, die hellen Häuser und die friedliche Mairie.

Die Landstraßen hasteten hinaus, hinaus. Pappeln angsthafte Schatten stürzten unter dem Feuerhimmel. Fackeln geisterten zwischen wächsernen Antlitzen.

In das Loch der Nacht mündete der endlose Zug. Der schwarze Hammer der Schlacht schlug den Irrenden ins müde Gehirn.

Kinder schauten grossäugig aus der Mutter Arm hervor und beteten das rote Wunder der Brände an. Geschütze keuchten immer hinterher. Soldaten marschierten, marschierten, marschierten.

Grauer Menschenschaum schwoll über die durchhallten Felder. Dunkle Flut drängte verworren in die fahle Nacht. Nirgends mehr ein Stern noch eine Latern' entfacht! Nirgends ein Halt:

In die Nacht. In die Schneenacht. In die hastende, dürstende Nacht.

In die Berge. In die Trümmerberge. In die todeskundigen Berge.

In die Ebenen. In die verkohlten, verschreckten, versündigten Ebenen.

In die Städte. In die winkligen, schreienden, geizigen, in die unwirtlichen Igelstädte.

In die Fremde!

Aber sie hatten keine Stimme mehr zu klagen, und keine Kraft mehr, sich an die Brust zu schlagen.

Europa schien plötzlich so eng und so klein! Jedoch ein einziges, freundliches Herz: wie musste das gross und dankbar sein!

Yvan Goll (aus Requiem für die Gefallenen von Europa, 1916)